Forelle a la Bordelleise...
Wann hatten Sie das letzte mal Hunger? So richtigen Hunger meine ich. Mich
überfiel er vor kurzem in Hamburg - abends um halb elf auf meinem Hotelzimmer.
Was machen Sie in einer solchen Situation? An den Kühlschrank gehen? Der
Kühlschrank in einem Hotelzimmer ist ziemlich klein und enthält nicht gerade
Dinge, die einen satt machen. Den Zimmerservice rufen? Ehrlich gesagt, ich habe
für solche Späße nicht das nötige Kleingeld.
Ich fuhr mit der Ubahn zum Hauptbahnhof, in der Hoffnung, dort noch einen
ansprechenden Imbiß zu finden. Ansprechend heißt in diesem Fall, daß ich mich in
solchen Situationen von einem gewissen Instinkt leiten lasse, der mir beim
Anblick einer bestimmten Speise deutlich zuraunt: "iß mich!"
Leider sagte mir während des ganzen Ganges durch den Hauptbahnhof mein Instinkt
rein gar nichts. Mir gelüstete es nicht nach dem Schottischen Spezialitätenrestaurant
und die Bäckereistände mit ihren wiederholt aufgebackenen Pizzabaguettes
reizten mich auch nicht. Nachdem ich das Bahnhofsgebäude durchschritten hatte,
machte ich mich auf den Weg durch die Fußgängerzone, aber fand auch dort nicht
das Richtige. Immerhin sprach leise mein Instinkt zu mir, indem vor meinen Augen
ein liebevoll arrangiertes Fischbrötchen hin und hertanzte.
Da die Fußgängerzone nicht den gewünschten Erfolg brachte, versuchte ich es
auf der anderen Seite des Bahnhofs, wo mir eine Vielzahl von Leuchtreklamen ein
um diese Uhrzeit noch etwas lebendigeres Straßenbild prophezeite. Beim Näherkommen
stellten sich die vielen Lichter in erster Linie hauptsächlich rot und zweitens
recht zwielichtig dar. Mich trieb das vor mir schwebende Fischbrötchen voran.
"Hallo!" wurde ich von einer freundlichen und durchaus angenehmen
Frauenstimme angesprochen. Die Augen von meinem imaginären Ziel mit Gewalt
abwendend, erkannte ich eine ebenso angenehme und durchaus sympathisch wirkende
junge Dame.
"Hallo" erwiderte ich freundlich und wurde mir sogleich gewahr, daß
es sich wohl um eine Dame des horizontalen Gewerbes handeln mußte, die jedoch
wiederum nicht so recht in das billige fleischpräsentierende Klischee passen
wollte. Sie war eher büromäßig mit einem schicken Kostüm gekleidet und präsentierte
auf diese Weise zumindest einen guten Geschmack.
Dann kam der Satz, der mir den ganzen Abend versüßte: "Es wird Zeit, daß
es bald Frühling wird." Das war die routinierte Gesprächseröffnung, die wohl
bahnbrechen sollte für die folgenden Preis- oder Lokalitätenverhandlungen.
Dieser Satz jedoch hatte auch mich eine fatale Wirkung. Zugegebenerweise habe
ich in solchen Verhandlungen nicht wirklich viele Erfahrungen, genauer gesagt
eigentlich gar keine, und so mutete mir der Satz so unpassend an, daß ich vor
der Dame stand und laut loslachte.
Als ich mich wieder etwas gefangen hatte und zu Luft kam antwortete ich sehr
freundlich: "Ja wirklich, sie haben Recht. Es wird wirklich Zeit."
Dabei hatte ich ja ein ganz anderes Problem. Mir war nicht nach
Preisverhandlungen zumute und das Frühlingswetter war mir um diese Uhrzeit auch
nicht so furchtbar wichtig, denn immerhin regnete es ja nicht. Statt dessen rückte
sich das besagte Fischbrötchen immer wieder in mein Gesichtsfeld.
"Wissen Sie", fing ich etwas unbeholfen und immer noch lachend an,
"Sie können mir ganz anders helfen".
"Ja bitte?" Nun war es an ihr, etwas verdutzt bis verunsichert
dreinzuschauen.
"Fisch" sagte ich. "Ich habe Hunger und sehe die ganze Zeit Fisch
vor mir. Sie können mir da nicht zufällig helfen?"
Die Frage schien sie zu verwirren. Sie wußte wohl nicht recht, wie ernst es mir
war. Sie hatte übrigens ein bezauberndes Lächeln. Es schien, als käme sie
langsam zu der Überzeugung, daß ich eher unbeholfen und hungrig sei, als sie
mit meiner Frage durch den Kakao ziehen zu wollen. Dieses freundliche Lächeln
machte sie mir richtig sympathisch.
"Fisch?" fragte sie mich noch einmal zurück.
"Ja", erwiderte ich. "Leider finde ich kein Lokal oder keinen
Imbiß, der mir den jetzt bieten könnte und sie kennen sich doch hier viel eher
aus."
Die Rettung kam um die Ecke in der Gestalt von Elim. Keine Sorge, ich kannte
Elim bis dato auch nicht, aber die Schönheit vor mir dafür kannte ihn wohl um
so besser. "Elim!" rief sie ihn herbei, "Kannst Du dem Herrn hier
nicht Fisch machen? Du machst doch leckeren Fisch. Und er möchte so gern
Fisch." Dann wandte sie sich wieder mir zu. "Elim macht Ihnen jetzt
Fisch. Gehen Sie einfach mit." Ihr Lächeln war bezaubernd. Das Fischbrötchen
schwebte derweil wie ein Heiligenschein über Elim.
Ich versuchte mich noch, so lieb ich das in der Eile konnte, von diesem
freundlichen Engel zu verabschieden und folgte Elim samt dem über ihm
schwebenden Brötchen. Die Rettung war nahe. Es hätte natürlich auch mein
Untergang sein können. Schließlich war ich wahrscheinlich in einer der etwas
dubioseren Ecken Hamburgs geraten und hatte mit den dortigen Gepflogenheiten und
gewerbsmäßigen Diensten keinerlei Erfahrungen. Ein Wenig mulmig war mir also
schon, aber der Hunger trieb mich hinter Elim her.
Nur drei Häuser weiter war Elims Lokal, eine Mischung aus türkischen
Restaurant und Imbiß. Ein Lokal, um schnell und für wenig Geld ein kurzes
orientalisches Essen zu erhalten.
Nicht so für mich. Schließlich war ich ja auch auf besondere Empfehlung hier.
Mir wurde also schon eine gewissermaßen gehobene Behandlung zuteil. Mir wurde
aus dem Mantel geholfen. Mir wurde extra der Tisch fein gedeckt. Mir wurde ein
ausgesprochen leckerer Wein kredenzt. Ansonsten wurde ich nur noch um ein
kleines Bißchen Geduld gebeten.
Nun gut, es dauerte ein Wenig. In der Zeit, in der Elim mir den Fisch
zubereitete, kamen mehrere andere Gäste, erhielten auf die Schnelle ihr
Gericht, verspeisten es hastig und gingen auch wieder, ohne nur ihren Mantel
abgelegt zu haben. Aber ich war ja schließlich auf besondere Empfehlung hier.
Nachdem Elim unterschiedliche Gemüsesorten und Salatelemente fein säuberlich
mit dem Messer in feine Streifchen geschnitten und auch die restlichen Zutaten
ausgesprochen sorgsam zubereitet hatte, nachdem der nun mit einem ausgesuchten
Teil dieser Zutaten gefüllte Fisch in Folie gegart wurde, nachdem das alles
kunstgerecht auf einem Teller arrangiert worden war, wurde mir nun diese Köstlichkeit
serviert. Die Serviette über den Arm geschwungen, den Teller in einer eleganten
Bewegung an meinem Platz abgestellt und noch etwas Wein nachgeschenkt, so wurde
ich also bedient wie in einem exquisiten Nobelrestaurant. Ich muß zugeben, das
Warten hatte sich gelohnt. Die Forelle schmeckte wirklich vorzüglich! Zudem
stellte ich, als ich die Rechnung bekam, erstaunt fest, daß mir wohl ein
Freundschaftsrabatt eingeräumt worden war. Nun ja, ich war ja auf Empfehlung
hier.
Es war eine Erlebnisgastronomie der besonderen Art. Vor der Tür des Lokals
hielten immer wieder Fahrzeuge, die dann zielstrebig von der jeweils sich gerade
vor dem Lokal aufhaltenden Dame angesteuert wurden. So wurde mir auch während
der Wartezeit und beim Essen nicht langweilig. Schließlich gab es ja genug zu
beobachten.
Ich hätte mich ja nach dem Essen gerne bei meiner Fürsprecherin bedankt, aber
dann dachte ich mir, sie wäre wahrscheinlich nicht mehr im gleichen
Bordsteinabschnitt anzutreffen und ich wollte sie auch nicht weiter von ihrem
Verdienst abhalten.
Nun, auch Werbung klappt normalerweise nur auf Gegenseitigkeit und während mir
Elim in den Mantel half, sprach er mich noch mal auf die freundliche junge Frau
an und pries mir vor allem ihren glorreichen und makellosen Körper. Einen
glorreichen Körper wollte ich an diesem Abend aber nicht mehr. Ich hatte ja
meinen Fisch.
© Gregor Doege 2004